Im Hotel arbeiten (1) – die Höhepunkte

Küstenwanderung – der erste Höhepunkt – Sonnenaufgang in der Bucht von Adrasan

So viele Jahre war ich rund um das große Thema Tourismus tätig – in der angewandten Forschung, als Projektmanagerin für Bildungs-, PR- und Regionalentwicklungsprojekte rund um das Themenfeld sozial- und umweltverträglicher Tourismus und schlussendlich als Eventmanagerin für eine große europäische Konferenz. Parallel dazu immer viel auf Reisen und überall die “Brille” der Touristikerin aufgesetzt – also immer einen professionellen Blick. Und doch die ganzen Jahre – habe ich Hotels immer nur als Gast gesehen und nie von innen, von der Seite derjenigen, die in einem Hotel arbeiten. Als ich letztes Frühjahr die Gelegenheit bekam, in einem kleinen Hotel an der lykischen Küste (Türkei) in der Gästebetreuung mitzuarbeiten, konnte ich gar nicht anders als zuzusagen.

Schlussendlich habe ich dann drei Monate im Hotel gearbeitet und dabei eine unglaubliche Anzahl an Erfahrungen gesammelt. Eine kleine Auswahl davon möchte ich in einer kleinen Artikelserie vorstellen. Und der Anfang – was könnte besser geeignet sein – sind meine persönlichen Highlights.

So viele nette Gäste

Das Allerbeste an der Arbeit war der direkte Kontakt zu Gästen, größtenteils angenehmen und gescheiten Gästen. Viel mehr Frauen als Männer, die mit einem gemeinsamen Wunsch gekommen sind: Einmal für ein paar Tage nur entspannen. Es war immer wieder eine Freude mitanzusehen, wie die Gäste  von Tag zu Tag mehr  loslassen,  das Yoga, das Meer, die Natur, aber auch den Kontakt zu Mitreisenden als Quelle der Entspannung und Inspiration entdecken. Viele weinten beim Abschied und erzählten, sie hätten sich noch nie so schnell und so gut entspannt.

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Küstenwanderung – später nur mehr sitzen und schauen…

 

Erste Gehversuche in der Burn-Out Prävention

Ich hatte auch die Gelegenheit, erste Schritte im Bereich Burn-Out Prävention zu setzen. Einmal pro Woche gab es eine Inforunde und bei Interesse noch eine weitere Einheit. Die Rückmeldungen waren super positiv und haben mich sehr bestärkt in dieser Richtung weiterzuarbeiten. Gleichzeitig sehe ich aber auch die Schwierigkeit, sich im Urlaub mit so einem sperrigen Thema wie Burn-Out Prävention zu beschäftigen. Viele Gäste haben mich fast entschuldigend angesprochen mit dem Hinweis, dass sie eigentlich dringend Input in diesem Bereich benötigen, sich aber nicht dazu aufraffen könnten, und in dieser einen mühsam abgerungenen Woche eigentlich nur entspannen und sich nicht mit Problemen beschäftigen wollen. Dafür hatte ich natürlich auch volles Verständnis.

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Schauen… auf Meer und mehr

 

Einmal pro Woche – Küstenwanderung (inklusive Sonnenaufgang)

Und dann durfte ich auch noch einen der wöchentlichen Ausflüge führen – und das war eine besondere Freude. Eine Morgenwanderung, zuerst zum Sonnenaufgang am Strand und dann der Küste entlang bis zu dem Punkt, wo man einen kleinen Leuchtturm sieht und ganz viel Meer. Im Laufe der Zeit habe ich diese  adaptiert und eine Fotowanderung daraus gemacht. Mit Inputs zur Bildgestaltung, ab. er auch gewürzt mit  Nachdenkereien über Fotografie. Das Glänzen in den Augen der TeilnehmerInnen nach diesen Wanderungen entlang eines wirklich traumhaften Küstenstreifens wird mich noch länger begleiten.

Ja – ich habe schon tolle Erfahrungen gemacht. Das Arbeiten im Hotel brachte für mich jedoch auch eine Reihe von neuen Erkenntnissen – doch dazu das nächste Mal mehr.

 

Ein ehemaliges Restaurant am Straßenrand – Ulupinar

Ulupinar ist ein kleines Dorf an der Küstenstraße südlich von Antalya welches in erster Linie für seine Forellenrestaurants bekannt ist. Ganze Busse kommen hier in den heißen Sommermonaten her –  im Schatten des Waldes und mit der kühlen Luft der wassereichen Bäche ist es wohl einer der besten Orte, um sich in der glühenden Sommerhitze ein bisschen abzukühlen.

Die meisten Restaurants sind riesig, und auf große Buspartien ausgerichtet, die aus den naheliegenden Urlaubsorten Kemer, Camyuva und Tekirova raufgekarrt werden. In manchen können sogar die Forellen zum großen Gaudium der Touristen selber aus dem Bach gefischt werden.

Als wir vor kurzem mit dem Auto durch den Ort gefahren sind, ist mir jedoch ein richtig hübsches Häuschen aufgefallen – ein schon länger geschlossenes Restaurant. Wirklich schade drum – ein schöner schattiger Garten, dazu das Steinhaus mit Kamin und Holzfenstern – so verrottet es jetzt vor sich hin. Als Fotomotiv ist es natürlich schön so – seht selbst.

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Arykanda – eine lykische Stadt in den Bergen

“Die Bewohner von Arykanda müssen glückliche Menschen gewesen sein”, schießt es mir durch den Kopf, während ich in Arykanda hoch oben am Berg im alten Amphietheater stehe und die Aussicht bewundere. Ich stelle mir vor, wie die Theaterbesucher vor über 2000 Jahren nicht wussten, ob sie sich das Schauspiel oder die Aussicht anschauen wollen – bzw. in der Nacht den Sternenhimmel.

 

Auch sonst zeugen die verbliebenen Ruinen der lykischen Stadt nicht gerade von Armut. Bürgerhäuser, eine politische und eine Handelsagora, Thermen, Bäder, ein Stadion . Die Bewohner von Arykanda sollen aber auch verschwendungssüchtig gewesen sein, konnten die Stadtkasse aber wohl durch Handelseinnahmen dann doch wieder füllen.

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Viel ist nicht übrigeblieben und einiges lässt sich nur erahnen,  und doch – oder vielleicht auch deshalb – strahlt der Ort eine ganz eigene Magie aus. Die Ruinen sehr malerisch, umgeben und durchwachsen von Bäumen und Sträuchern,  auf einen sonnigen Westhang in luftiger Höhe kurz vor Elmali wo sich die Häuser den Hang entlang nach oben schmiegen. Die Aussichten atemberaubend – am besten jedoch vom Theater (siehe oben).

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Interessant auch welche Gebäude sich ganz oben am Hang befinden. Nicht nur das schon erwähnte Amphietheater, auch die Shoppingmeile, zwölf quadratische angelegte Geschäfte an einen schönem Platz mit – natürlich – auch einer herrlichen Aussicht. Warum aber die Geschäfte ganz oben sind erschließt sich mir nicht ganz, ist es doch mühsamer alle Waren bei der Anlieferung zuerst ganz rauf zu bringen. Andererseits ist gleich neben den Geschäften das Rathaus (die alten Griechen sagten dazu  Bouleiterion) – ist dann natürlich auch praktisch für die Geschäftsleute, wenn sie gleich nach Ladenschluss nur zweimal Umfallen müssen, um in den Gemeinderat zu kommen.

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Mehrere Stunden verbringen wir an einem Novembertag in der Anlage und wandeln durch die Zeit – nichts stört die Ruhe und ich fotografiere mit Freude und Leidenschaft vor mich hin…als ich plötzlich drei Soldaten in voller Montur und mit Gewehren auf den Sitzreihen des Theaters sehe. Kurz rutscht mir das Herz in die Hose und ich packe mal sicherheitshalber die Kamera zur Seite. Sie wollen aber wohl auch nur eine kurze Pause machen und die Aussicht genießen und sind auch nur wenige Minuten später wieder weg. Dann gibt es wieder Ruhe und diese einzigartige Athmosphäre – die mich noch lange nicht loslassen wird.

Tipps
  • Genug Zeit einplanen. Gerade hier wäre es schade, nur die zahlreichen Sehenswürdigkeiten abzuklappern. Die Aussicht und die verwunschene Anlage bieten sich gerade zu an, einfach einmal der Nase zu folgen und auch einmal ein längeres Päuschen einzulegen.
  • Tageszeit: Gerade zur heißen Jahreszeit (also ca. Mitte Juni bis Mitte September) sollte die Mittagszeit umgangen werden. Viel zu heiß und auch die Fotos werden dann nicht zu schön. Am besten am späten Nachmittag kommen und sich am Abendlicht erfreuen.
  • Ausrüstung: ein bisschen festere Schuhe (z.B Trekkingsandalen) erhöhen den Spaßfaktor beim Herumklettern und Streunen erheblich. Wasser und etwas zum Knabbern ebenso.
  • Ich sage es nur ungern, aber Lykien ist generell am besten mit dem Auto zu erkunden. Laut meinen Informationen gibt es jedoch eine Dolmusverbindung von Finike und Kumluca (Dolmus nach Elmali). Von der Abzweigung nach Arykanda sind es dann nur mehr weniger hundert Meter zu den Ausgrabungen. Es gibt übrigens auch eine Pension bei dieser Abzweigung, die von außen sehr charmant ausschaut.
  • Und last but not least: Der kleine Wasserfall fast direkt an der Straße, nur wenige Meter nach der Abzweigung zu Arykanda. Hier gibt es nicht nur Unmengen an gut schmeckenden Quellwasser (Flaschen mitnehmen!), sondern auch eine kleine Lokanta mit leckeren Essen, frisch gegrillter Mais zum mitnehmen, und ein kleiner Bazar mit den wohlschmeckenden Elmaliäfpfeln  – Nicht versäumen.

Und hier noch eine kleine Diaschau mit einigen weiteren Bildern. Enjoy!

Herbst an der lykischen Küste

Die Wörter für Frühling und Herbst sind im Türkischen sehr ähnlich. Der Frühling im zweiten Jahresviertel von März bis Juni heißt Ilk bahar – übersetzt der erste Frühling. Wenn bei uns in Europa Herbst ist, ist in der Türkei Son Bahar – der spätere Frühling. Und es ist tatsächlich so – wo über die Sommermonate die Landschaft immer trockener wurde, das Gras und die Blumen langsam verschwanden – blüht und gedeiht nun alles wieder. Grüne  Matten legen sich über die langsam feuchter werdenden Böden, und allerlei Herbstblumen machen die Landschaft wieder bunt.

 

Gleichzeitig werden die Tage immer kürzer, die Nächte frischer und immer wieder gießt es für ein paar Tage in Strömen. In dem,  kleinen Holzhäuschen, in dem ich wohne, machen wir uns langsam winterfest. Holz ist geliefert worden, die dünnen Holzwände mit Teppichen verdeckt sowie Dächer und offene Terassen mit Folie abgedeckt. Und ich bin umgezogen – vom luftigen Baumhäuschen in der Höhe bin ich nun in eine erdnähere und besser isolierte Holzhütte umgesiedelt – was die Stabilität meiner Körperwärme beträchtlich verbessert.  Das war auch notwendig, habe ich doch gar nicht realisiert, dass ich mich da oben sehr verfroren habe. Nun wohne ich nicht nur wärmer sondern auch eine Spur trockener.

 

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Das Innenleben meiner kleinen Hütte

 

Ja, ich habe die Kälte unterschätzt. Klingt vielleicht eigenartig, weil ja die Temperaturen eindeutig höher sind als in Mitteleuropa.  Der Unterschied ist wohl auch die Stärke der Sonne – wenn sie dann scheint. Dann strömen die wenigen verbliebenen Gäste und viele Einheimische hinaus an den Strand oder in die Berge und suchen sie geradezu – ganz im Gegenteil zum Sommer. Eine Art innerliches Aufwärmen bevor gegen 16:00 Schatten und die Kälte kommen.  Näher an der Natur zu leben, heißt auch, der Kälte mehr ausgesetzt zu sein. Die Wärme empfinde ich dafür als umso wohltuender – sei es an schönen Lagerfeuern, oder an den großartigen Kaminkonstruktionen in den noch geöffneten Restaurants wo sich abends immer eine Runde an Menschen versammelt und sich am Feuer wärmt.

 

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Nachmittägliche Lichtspiele am Strand von Cirali

 

Mein (vorerst) letztes Monat in der Türkei bricht an und ich freue mich genauso auf weitere Spaziergänge am Meer oder in den Bergen, die gerade beginnende Mandarinen und Orangensaison (eine Geschmacksexplosion – ich glaube ich bin für immer verdorben für in Österreich gekaufte Zitrusfrüchte) sowie auf gemütliche Suppenkochabende am warmen Ofen, der mit dicken Holzstücken gefüttert wird. Und die Kälte – ja, die muss man jeden Tag mit einem Stück Bewegung austricksen….

Granatapfelzeit

Endlich - die Granatäpfel sind reif

 

Ein Gruß von der lykischen Küste in der Türkei.

Seit ich im April zum ersten Mal dieses Jahr da war (insgesamt bin ich dieses Jahr schon vier Monate in der Türkei) freue ich mich auf die Granatäpfel. Im Frühjahr bewunderte ich die weißen Blüten, und im Verlauf des Sommers konnte ich beobachten wie die Früchte langsam an Farbe und Größe zunahmen.  Jetzt sind sie endlich reif und überall zu sehen. Auf den Bäumen, den Märkten oder bei den kleinen fahrenden Lebensmittelhändlern. In vielen Lokalen gibt es jetzt den ersten frischen Saft, der so intensiv ist, dass er mit Wasser oder Orangensaft gemischt eindeutig besser schmeckt. Und der fast schwarze dickflüssige Granatapfelessig wird überall eingekocht. Diese Frucht und ihre Produkte sind eine Geschmacks- und Farbenexplosion – eine wahre Wonne.
Und für den Fall, dass ich jemals herausfinde, wie man diese kleinen Samen zeitökonomisch aus der Schale bringt, dann fange ich auch an damit herumzuprobieren – vielleicht eine Granatapfel Orangen Marmelade  oder dieses tolle persische Fleischgericht mit Walnüssen und Granatäpfeln – hmmm.

Fünf Monate Indien – ein kleines persönliches Resumé

Mondaufgang in Kanyakumari am Südzipfel von Indien

 

Indien ist wie eine Wundertüte. Eine – nein unendlich viele – neue Welten eröffnen sich. Jede Stadt ist anders, wo man hinkommt immer wieder eine neue faszinierende Landschaften, und überall so freundliche Menschen – zumindestens fast überall. Inder und noch viel mehr Reisende. Ich kann sie gar nicht aufzählen, die vielen nächtlichen und teilweise auch tiefsinnigen Gespräche.

Dieses Land zieht andere Reisende an als Südostasien, es wird weniger getrunken und viele Leute, die länger bleiben, suchen weitaus mehr als nur das Abhaken von Sehenswürdigkeiten. Durch diese vielen Gespräche habe ich nicht nur viel über das Land sondern auch eine Menge an unterschiedlichen Lebensentwürfen bzw. deren Suche kennengelernt. Manchmal hatte ich jedoch auch das Gefühl, dass dieses Land nur eine Projektionsfläche ist, eine Spielwiese auf der Reisende sich selbst ausprobieren – und ich war da wohl keine Ausnahme.

Diese Begegnungen, das Herumreisen mit Bus und Bahn – ein eindrückliches, enges, freundliches und farbenfrohes Erlebnis, die Vielzahl an Gerüchen, Lärm, Farben, Schmutz und Staub – ein Angriff auf alle Sinne (ich weiß es ist ein Klischee aber es stimmt wirklich), dazu unglaubliche und berührende Naturerlebnisse in Hampi (natürlich!) aber genauso in den Bergen der westlichen Gats, oder der Wüste in Rajasthan oder am Meer in Kerala.All dies und noch viel mehr haben diese fünf Monate zu einem genialen Erlebnis werden lassen.

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Hochzeit in Bikaner (Rajasthan)

 

Der Einstieg war sanft – Entspannung am Strand, statt eine Metropole zum Anfangen, wie so viele andere Reise, die dann Wochen unter dem Kulturschock leiden; und die Idee ist voll aufgegangen. Ich wollte das Land mögen und tat es von der ersten Sekunde an, mit all seinen Widersprüchen. Trotzdem gibt es immer wieder die Momente wo man sich einfach nur an den Kopf greift – bei Dreck und Umweltverschmutzung, unglaublich verstaubten Bürokraten, vorsintflutliche Einstellungen zu Geschlechterfragen, Armut, Krankheit und vieles mehr. Und dann wieder die Vielfalt und Farbenpracht, die vollen und dreckigen Straßen, die Unzahl an Händlern und Kleingewerbetreibenden, die Enge …… aber auch eine faszinierende Natur in allen Varianten und Schattierungen, Tempel in allen Farben und Formen und und und und und… Ich stelle mir Indien nicht als Land sondern als Kontinent vor, das vermag diese Vielfalt noch ein wenig zu erklären. Und jeder Bundesstaat mit seiner eigenen Kultur, Sprache, Göttern und Landschaften ist wie ein Land. Und doch gibt es eine gemeinsame kulturelle Basis – wie in Europa. Indien war für mich wie eine Wundertüte – ein Angriff auf alle Sinne, manchmal positiv manchmal negativ.

Der indische Alltag (natürlich mit dem Luxus einer westlichen Touristin) ist für mich in diesen fünf Monaten normal geworden und der Kulturschock beim Zurückkommen erscheint mir fast größer als fünf Monate zuvor, als ich bleichgesichtig und sehr aufgeregt  einreiste. Ich genieße nun den Luxus von warmen Wasser, Trinkwasser aus der Wasserleitung, geheizten Wohnungen und Breitband Internet. Und doch kommt mir alles ein bisschen blutleer und klinisch vor. Warum ist alles so perfekt und sauber doch gleichzeitig so grau und leer. Das bunte Leben nur mehr auf meinem Computer, auf dessen Festplatte sich fast 35 GB an Fotos sammeln.

Bezüglich Yoga habe ich mir schon vor meiner Reise Gedanken gemacht. Nach einigen Stunden an Internet Recherchen war mir klar, dass das Angebot zu unübersichtlich ist, um ohne konkrete Tips etwas Vernünftiges zu finden. Was ich aber gefunden habe, ist ein erneuter und tieferer Zugang zu Natur. In manchen Orten (insbesondere Hampi und Kodaikanal in den westlichen Gats) habe ich eine ganz tiefe Verbundenheit mit der Natur gespürt. Ich bin förmlich in ihr aufgegangen, bewunderte die Fülle und die unglaublichen Details. Und nicht zu vergessen die Nächte Sonnenauf- und Untergänge, Vollmonde in unglaublichsten Farben oder einfach nur tiefe finstere Nacht, in einer bisher unbekannten Intensität. Das habe ich auch mit nach Hause genommen – bei meinen Spaziergängen hier, merke ich dass ich die Natur um mich herum anders aufnehme, und sowohl achtsamer als auch freudiger das Wetter, das Grün und den aufkommenden Frühling geniessen kann.

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Einsamer Strand in Kerala

 

Spirituell gesehen waren die fünf Monate eine Übung in Vertrauen. Wer in Indien ohne Vertrauen reist, kann – so glaube ich – nicht glücklich werden. Vertrauen, im richtigen Bus zu sitzen, obwohl man keine Ahnung hat, wo er hin geht; Vertrauen darauf die Unterscheidungskraft (im Yoga Viveka) zu haben auf welche Personen ich mich einlassen kann und auf welche nicht, aber auch längerfristig gesehen zu lernen, dass ich mir diese tolle Gelegenheit so lange zu reisen nicht mit Gedanken über meine Zukunft belaste, sondern darauf vertraue, dass sich alles irgendwie ergeben wird (was es dann im Endeffekt auch getan hat, aber dazu mehr ein anderes Mal)

Ich bin ohne große Erwartungen aufgebrochen und wollte einfach meine Chance nutzen, so eine lange Reise machen zu können. Und Indien kam mir gerade recht. Ich war noch nie dort, und als begeisterte Yogini in das Geburtsland des Yoga zu fahren, schien mir auch irgendwie angebracht. Diese fünf Monate waren einfach eine geile Zeit. Ich habe soviel gesehen und erlebt, wie seit Jahren nicht mehr. Und ich glaube, ich bin wieder ein kleines Stückchen gewachsen. Und letzteres werde ich auch in Zukunft gut gebrauchen können… doch dazu ein anderes Mal mehr.

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Morgenstimmung in Madurai (Tamil Nadu)

 

Zum Abschluss hier die Reise einmal im Zeitraffer:

Die ersten Wochen waren dem Ankommen gewidmet. Zuerst in Agonda (Goa) am Strand abhängen und dann in Hampi, dieser wunderbaren Landschaft, die mein Herz berührt hat. Später Herumreisen – Tempel und Moscheen in Badami und Bijapur, modernes urbanes Feeling in Bangalore. In Kerala besichtige ich die koloniale Stadt Cochi und dann gehts in die Berge. Kumily und Munnar – ausgedehnte Hügellandschaften mit Tee- und Kaffeeplantagen, klare Luft und kühleres Klima. So schön ich das Meer finde, in den Bergen geht mir das Herz auf. Weihnachten und Neujahr verbringe ich dann nahezu alleine in einem Miniguesthouse direkt am Meer. Ich genieße die Einsamkeit, und lese viel. Nach einer kurzen Resozialisierungsphase in einem gut besuchten Guesthouse nur wenige Kilometer weiter, steige ich in den Flieger nach Rajasthan, wo ich mit einer Freundin im Sauseschritt durchreise. Acht Orte in knapp vier Wochen geben uns zwar einen guten Eindruck von diesem Bundesstaat – am Ende fühle ich mich jedoch überwältigt von der Vielzahl an Eindrücken, und werde kurz nach meiner darauffolgenden Ankunft in Goa prompt krank. Ein zweiter Aufenthalt in Hampi hat nicht nur einen Artikel zum Ergebnis sondern ich finde auch wieder meine Ruhe, während ich dort in die Landschaft eintauche. Das letzte Monat verbringe ich dann wieder im Süden, eine Woche am Meer, die wunderbaren Sonnenauf- und Untergänge an der südlichsten Spitze Indiens und drei Wochen in den Bergen auf 1700 Meter Seehöhe, wo ich dann gar nicht mehr weg will, weil ich dieses einfache Leben auf der Höhe mit Aussicht und einer netten Community so schätzen gelernt habe.

 

Und zum Abschluss noch ein Hinweis auf meinen Artikel zum Thema als Frau alleine in Indien Reisen.

 

Und hier die Route auf google maps:

 


India 2011 -2012 auf einer größeren Karte anzeigen

Hampi – ein persönlicher Bericht

Sonnenaufgang am Hanumantempel
I asked the universe to fall in love and… I fell in love with Hampi (Cheryl, UK)

Als ich Anfang Februar zum zweiten Mal auf dieser Reise in Hampi ankomme, ist es wie ein Aufatmen. Ich war davor ein knappes Monat in Rajasthan unterwegs, wo ich soviel gesehen habe, dass mir der Kopf nur noch schwirrte. Danach war ich in Goa, wollte am Strand die Seele baumeln lassen, wurde aber leider krank und verbrachte die meiste Zeit schnupfend und rotzend. Eine enge Hütte mit einem kleinen Bett zu zweit ist da auch nicht die beste Grundlage.

Und so mache ich mich wieder auf den Weg nach Hampi. Die ersten Tage erhole ich mich und danach fange ich langsam an, Sehenswürdigkeiten zu erkunden, die ich bei meinem ersten Besuch verpasst habe.  Ein zweites Mal fasziniert mich die Landschaft. Und in den kommenden drei Wochen werde ich fast täglich auf zumindestens kleine Erkundungstouren gehen und immer wieder die Landschaft mit Freude  betrachten. Felsformationen, als ob Gott mit Gesteinsblöcken gespielt hätte, um zu schauen, welche Konstruktionen möglich sind. Eine wüstenartige Landschaft umgibt die Gesteinsformationen. Kakteen, Sträucher und Streifenhörnchen tummeln sich hier. Der Kontrast sind die vielen Reisfelder und Palmen, die an allen flacheren und steinlosen Plätzen zu sehen sind. Der Kontrast dieser Landschaft zwischen Wüste und fruchtbarem Land vertieft sich auch noch bei genauerem Hinschauen. Mitten in Reisfeldern ist plötzlich ein Steinbrocken zu sehen, und aus dem Stein sprießt dann wieder Gras hervor.
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Die einzigartige Landschaft von Hampi

 

Neben dieser weiter wachsenden Begeisterung für die Schönheit des Ortes fange ich auch bald an zu recherchieren. Ich habe einen Artikel über Hampi für einen deutschen Newsletter angeboten und beginne, mich mit dem aktuellen Stand vertraut zu machen. Ich spreche mit den zwei Archäologen die seit über 30 Jahren Hampi erforschen, und lerne auch einen lokalen Aktivisten kennen. Sie und alle anderen Ansässigen, mit denen ich spreche, sind der Meinung, das neue Leben, das sich in den Ruinen vor allem aufgrund des Tourismus entwickelt hat, solle nicht einfach dem Erdboden gleichgemacht werden. Die Menschen, die sich hier Häuser und eine Existenz aufgebaut haben, hätten ein Anrecht hier zu bleiben.
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Aufregung am Basar von Hampi, die Leute wollen ihre Häuser nicht verlassen

 

Ich treffe auch viele andere Reisende. Hampi ist ein Rückzugsort für Sinnsuchende und Langzeitreisende. Ich lerne spannende und unkonventionelle Lebensentwürfe kennen und treffe Leute ohne fertiges Lebenskonzept und/oder mit großen Fragen an das Leben. Vielen von ihnen gebe ich einen Satz von Rilke mit, der auch mir in den letzten Jahren wertvolle Dienste erwiesen hat:
Man muß Geduld haben
gegen das Ungelöste im Herzen,
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben,
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache
geschrieben sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt,
lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages
in die Antwort hinein.
Viele tiefgehenden Gespräche werden geführt – vielleicht auch, weil wir wissen, dass unsere Wege sich nicht wieder kreuzen werden.
Nach 10 Tagen ist mein Artikel fertig, und ich erfahre von einem kleinen, sehr einfachen Guesthouse im Nachbardorf. Ich verbringe dort eine Nacht (und einen grandiosen Sonnenaufgang am daneben liegenden “Hausberg”, dem Hanumantempel) und bin so bezaubert, dass ich beschließe, mein schon gekauftes Zugticket zur Weiterreise sausen zu lassen und noch einige Tage zu bleiben. Über eine Woche bleibe ich und genieße meine Zeit über alles. Die Faszination für die Landschaft lässt mich nicht los, und die Einbettung des Guesthouse in ein kleines Dorf hat einen ganz neuen Charme.
Die Unterkunft ist die billigste, die ich auf meiner ganzen Reise hatte, und doch fehlt es mir an nichts. Die ersten Tage verbringe ich in einer Lehmhütte und fühle mich angenehm und sicher – wie in einer dunklen Höhle mit überraschend angenehmen Temperaturen. Die zweite Hälfte bekomme ich dann das in den Fels gebaute Zimmer, welches auch in der Nacht angenehm kühl ist. Das weiß ich vor allem zu schätzen, da mittlerweile Mitte Februar ist und es von Tag zu Tag heißer wird. Der Tagesablauf richtet sich immer mehr nach der Hitze und vor allem der Morgen und der frühe Abend werden für Erkundungstouren genutzt, während wir die heißen Stunden in der Hängematte verschaukeln.

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Nach insgesamt drei Wochen verlasse ich Hampi wieder und bin richtig froh, dass ich eine Freundin weiter im Süden treffe – ich weiß nicht, ob ich da sonst weggekommen wäre. Mardan, der Guesthouse-Besitzer, bringt mich auf seinem Motorrad zur Fähre, und während ich ein letztes Mal durch die Landschaft brumme, werde ich sehr wehmütig. Dieser Ort hat wirklich etwas Besonderes, und der Virus hat schon viele Leute erfasst. Auch mich – und zum ersten Mal seit ganz vielen Orten, wo ich war, weiß ich, dass ich wiederkommen will.

Indien – Zwischenstand

Seit fast 12 Wochen bin ich nun in Indien unterwegs und bevor ich aus dem Norden wieder in den Süden fliege hier ein kurzer Zwischenstand. Die ersten zwei Monate war ich in aller Ruhe im Süden unterwegs, habe mich langsam an Indien angepasst – die Städte und Landschaften, die Religiosität, die Neugier der Menschen und die große Verwunderung, dass eine Frau alleine reist. Weihnachten und Neujahr habe ich in einem einsamen Guesthouse verbracht und bin viel zum Lesen gekommen, konnte ansonst dem Meer beim Rauschen zusehen und -hören.

Anfang Jänner ging der Flug nach Norden. In Rajasthan habe ich eine Freundin getroffen und die letzten drei Wochen waren wir zu zweit unterwegs. Rajasthan ist anders. Wüste – kalte Nächte, warme Tage, wo man gerne in der Sonne ist und nicht immer auf der Suche nach dem nächsten Schatten wie im Süden. Die Landscahft trocken und doch für eine Wüste ausgesprochen grün, mit Sträuchern und Bäumen. Die Städte – eng verschachtelte Häuser, mit vielen Palästen und Forts.
Wir reisen nicht langsam sondern schnell. Mit einer Reisepartnerin die insgesamt nur fünf Wochen und nicht fünf Monate hat, verschiebt sich die Geschwindigkeit. Jetzt ist mein Kopf voll, meine Tagebücher noch immer hinten  nach und mein Notizbuch gefüllt mit Ideen für Geschichten, und Unmengen an Fotos sammeln sich auf meiner Festplatte. Es gibt sehr viel zu erzählen und ich hoffe sehr, dass ich ab kommende Woche (wo ich dann wieder alleine im Süden unterwegs bin) es zumindestens schaffe, wieder zu dem wöchentlichen Rhythmus bei Blogeinträgen zurückzukehren.
In der Zwischenzeit habe ich mal eine Karte gebastelt mit dem bisherigen Reiseverlauf.
Die ist zwar ein bisschen verwirrend, aber gibt doch einen gewissen Überblick. (Für Tips und Hinweise zur Gestaltung der Google Karten – zum Beispiel einfügen von Pfeilen zur Reiserichtung aber auch sonstige – bin ich übrigens sehr dankbar.

 


India 2011 – 2012 auf einer größeren Karte anzeigen

Kerala – God’s own Country oder die indische Schweiz

Ist das hier noch Indien, frage ich mich manchmal. Die Straßen sauber, fast keine Kühe oder streunende Hunde von Schweinen ganz zu schweigen. Die Landschaft grün, richtig tropisch, nur vereinzelte Wellbllechhütten und meistens hübsche Häuser – viele mit Veranden und bunt angemalt. Und auf den Straßen überall Frauen.

In den Backwaters von Kerala

Ja, Kerala ist anders. “God’s own country” wird es durch die Tourismusindustrie vermarktet. Die “indische Schweiz”, schießt es mir bei einer Busfährt duch grüne Hügellandschaften an bunten Häusern vorbei, durch den Kopf. Gemeinsam haben beide jedenfalls die Sauberkeit, die schöne Landschaft und den Reichtum.

Viele soziale Indikatoren, wie Geburtenrate, Gesundheitsversorgung, Alphabetisierungsrate usw entsprechen den Werten von Industrieländern – und auch wenn die ökonomische Entwicklung nur bedingt mithalten kann, ist es doch offensichtlich, dass Kerala reicher als andere Bundesstaaaten ist. Alle Leute, mit denen ich hier spreche, geben das gute Ausbildungssystem als Hauptursache an. Bildung hatte hier in vorlkolonialen Zeiten einen hohen Stellenwert – auch für niedrigere Kasten und für Frauen. 1859 wurde die erste Schule für Mädchen in Indien gegründet.

Schulschluss in Munnar

Die gute Ausbildungsrate und die über Jahrhunderte gewachsene Verbindung mit den arabischen Raum führen auch dazu, dass viele Keralaner dorthin auswandern, wo es bessere berufliche Möglichkeiten und mehr Geld zu verdienen gibt. Es ist wie so oft bei derartigen Migrationsbewegungen – einerseits ein Brain- Drain (also Hirnschmalz, in das das Land investiert hat, welchen anderen Ländern zugute kommt), andererseits zeugen viele große private Häuser dass viel Geld aus dem arabischen Raum nach Kerala “zurückkehrt”. Die Gelder der Migranten aus Kerala in anderen Ländern, stellen ein Fünftel des Sozialprodukts dar und sind somit der wichtigste Wirtschaftsfaktor.

Kerala ist auch von der Natur gesegnet, man kann es nicht anders sagen. Das tropische Klima und die vielen Regionen auf mittlerer Höhe erlauben den Anbau von Tee, Kaffee, Kardamon, Vanille, Pfeffer und vielen anderen Gewürzen. Hier ist Vasco da Gama angekommen, als er endlich den Seeweg nach Indien gefunden hatte und es war nicht die pure Abenteuerlust, die ihn angetrieben hat, sondern handfeste ökonomische Interessen – der Handel mit den wertvollen Gewürzen war ein wichtiger Faktor.

Teeplantage in Kumily

 

Vor Vasco da Gama haben aber schon viele andere ihren Weg über das Meer an die süd-östliche Küste des Kontinents gefunden. Es gibt Hinweise auf eine jüdische Gemeinde vor Christi Geburt, und auch der hl. Thomas soll in Kerala gewesen sein und somit den Grundstein für frühe christliche Gemeinschaften gelegt haben. Die Region steht also schon seit vielen Jahrhunderten in Austausch mit verschiedensten Kulturen, was sicher kein Nachteil für die Entwicklung ist. Und so ist der Anteil der muslimischen und christlichen Bevölkerung weitaus höher als in anderen Bundesstaaten.

Indische Touristen in Munnar - Fotografieren und fotografiert werden ist sehr wichtig

Kerala ist auch eine wichtige Tourismusdestination. Obwohl es einer der kleineren Bundesstaaten ist, steht es bei den Statistiken ganz oben auf der Liste. Neben den vorhandenen natürlichen natürlichen Ressourcen liegt dieser Erfolg wohl auch die massive Vermarktung ab den 1980er Jahren als “God’s own country”. Zahlreiche Ökotourismusinitiativen versuchen eine positive Entwicklung von Umwelt und Gesellschaft zu fördern und haben auch einige internationale Preise dafür bekommen. Die tourismuskritische Organisation Equations zeigt hingegen die negativen Aspekte des Tourismus in Kerala auf.

Che Guevara Busstation in Eddakad

Welchen Anteil an Entwicklung Keralas die kommunistischen Regierungen haben, die seit 1957 regelmäßig demokratisch gewählt werden? Ich traue mich nicht es abzuschätzen. Die Landreformen der 1960er und 70er Jahre, welche den Großgrundbesitz stark zurückgedrängt haben, hatten jedoch sicher einen bedeutenden Anteil. Unser Bootsführer bei einem Ausflug in die Backwaters führt auch an, wie gut hier alle gewerkschaftlich und in den Dörfern organisiert seien und Streiks scheinen sehr üblich sein. Die kommunistische Partei ist jedenfalls überall präsent, sei es durch Fahnen, Plakaten, Demonstrationen oder Che Guevara Bildern in den Busstationen.

Auch in Kerala werde ich angebettelt, sehe ich schäbige Hütten ohne Einrichtung und Obdachlose. All dies jedoch in einen viel geringerem Ausmaß als in anderen Regionen und die Menschen sind auffallend freundlicher und hilfsbereiter – was wohl auch kein schlechter Indikator ist.

Freud und Leid mit Rickshawfahrern

Wohin das Auge blickt - ueberall Rickshaws

“Madam, do you want a Rickshaw? I  can organize all tours for you, and I can guide you”. Egal wohin man kommt – gerade kurz nach der Ankunft gibt es eine gewisse Garantie alle paar Meter auf diese Weise angesprochen zu werden. Das entspricht oft so gar nicht unserer Vorstellung vom gemütlichen Ankommen, sich erst einmal umschauen um dann langsam einen Plan für die kommenden Tage zu machen.

Auch in Kumily einem kleinen Bergdorf an der Grenze zwischen Kerala und Tamil Nadu, werden wir von allen Seiten bombardiert. Ein junger Mann, fragt auch nach einer ersten ablehnenden Antwort von unserer Seite hartnäckig weiter. Da kommt meine Reiseabschnittspartnerin auf die Idee ihm weiszumachen, das gehe nicht, weil wir sieben Leute seien. Nur kurze Zeit später bietet er uns an, eine Rickshaw für sieben Personen zu organisieren – was wir natürlich dankend ablehnen.

Unsere Halbtagestour zur Teefabrik und zu einer Gewürzplantage buchen wir dann über eine Reiseagentur, und als wir am kommenden Tag in der Früh von einem Rickshawfahrer abgeholt werden, blickt uns ein junges Gesicht erwartungsvoll an und fragt: “Do you remember me”. Nein tun wir nicht – er aber, ihm haben wir nämlich die Geschichte mit den sieben Personen aufgebunden. Wir sind beschämt. Es ist tatsächlich so, man fängt an, die Leute nicht mehr anzuschauen, weil man das Gefühl hat, überall will einem jemand was verkaufen, und ein Blick könnte vielleicht eine Ermunterung darstellen.

Sunesh, so heißt der junge Mann, wird sich in den kommenden Tagen als ausgezeichneter Führer mit blendenden Englischkentnissen herausstellen. Er zeigt uns nicht nur, die in der Tour vorgesehenen Sehenswürdigkeiten, sondern führt uns auch zu weiteren Plätzen und kümmert sich rührend um meine neue Freundin, als sie versucht eines der begehrten Tickets für das Morgenboot im Naturpark zu ergattern. Er wird uns auch einiges erzählen, was es heißt Rickshawfahrer zu sein, wie schwierig es ist an Touristen heranzukommen und dass sie einfachen Fahrern einfach nicht vertrauen, sondern meistens über eine Reiseagentur buchen (was für ihn natürlich Abschläge bedeutet). Und er erzählt uns auch von dem kurzen Moment, als er dachte er hätte den großen Fisch gefangen, und könne eine Tour für sieben Personen organisieren.

Wo auch immer ich hinkomme, habe ich den Eindruck, es gibt zu viel touristische Infrastruktur: zu viele Rickshaws, zu viele Führer, Geschäfte und Unterkünfte. Umso hartnäckiger, so kommt mir vor, wird um jeden einzelnen Gast gekämpft. Ich werde auch in Zukunft einen großen Bogen um viele junge Männer machen, die mir ein Geschäft anbieten wollen. Es ist mir jedoch auch ein Anliegen, nicht zu vergessen, dass hinter jeder dieser Anfragen ein Mensch mit einer Geschichte und dem Wunsch seine Familie zu ernähren steckt.

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