Als Frau alleine in Indien -mit ein paar Tips

Auf den Straßen in Indien sind meistens viel mehr Männer als Frauen (Jaipur)

 

So viele gute Ratschläge habe ich nach Indien mitgenommen – über richtige Verhaltensweisen, über Anmache und die Stellung der Frau. All das hilft vielleicht den Kulturschock abzumildern, aber nicht ihn zu verhindern. Und auch wenn man z.B. überall liest, dass indische Kleidung die bessere Wahl ist, war ich doch erstaunt, welchen Unterschied es dann gemacht hat, in der Wahrnehmung meines Gegenübers nämlich.

Und natürlich ist es dann auch schwer nachzuvollziehen, dass ein freier Bauch unter dem losen Sari völlig selbstverständlich ist, während die freien Schultern oder ein weiteres Dekolletee oft mehr als lüsterne Blicke auslösen. Viele Touristinnen merken das gar nicht, andere passen sich an und wieder andere genießen das auch.

Besonders auffallend ist das dann am Strand. Wo immer eine ausländische Frau außerhalb der Touristenguettos  Badekleidung trägt, wird sie eine kleinere oder größere Gruppe an Männern (aber zumindestens zwei müssen es immer sein) hervorrufen. Diese schauen, gehen händchenhaltend vorbei oder fotografieren völlig ungeniert.

Tip 1 – Angemessene Kleidung (wirklich) – und verwende einen Schal

Es klingt so einfach und veraltet ist aber so. Du wirst einfach anders wahrgenommen und die Blicke treffen dich eher auf Augenhöhe. Noch wohler habe ich mich gefühlt, nachdem ich mir die langen indischen Blusen (Kurta) gekauft habe, und diese mit weichen Stoffhosen kombiniert habe. Eine Kleidung, in der ich mich immer wohl und “angezogen” gefühlt habe. Ein dünner Schal dazu ist ein guter Freund bei allen möglichen Gelegenheiten – schützt vor Sonne, Blicken und manchmal vor der Klimaanlage – ich hatte immer einen im Tagesrucksack.

 Alleine sein ist nicht vorgesehen

Für alleinreisende Frauen kommt noch etwas weiteres hinzu. Oft bin ich während meiner Bus- und Bahnreisen gefragt worden, wo denn mein Begleiter sei. Viele indische Mäner (und wahrscheinlich die Frauen auch, nur sprechen die eine viel seltener an) können sich einfach nicht vorstellen als Frau alleine – ohne männlichen Schutz – zu reisen. Das kann auch einen manchmal durchaus hilfreichen Beschützerinstinkt hervorrufen.

Tip 2 – Hol dir aktiv Hilfe

Ich habe oft nach den richtigen Bus oder der richtigen Adresse gefragt was dann zur Folge hatte, dass die angesprochene Person mich quasi “unter ihre Fittiche” genommen hat, bis ich im richtigen Bus oder am richtigen Ort war. Mit der Zeit bekommt man ein Gefühl, die richtigen Leute anzusprechen, die ein bisschen englisch können und gerne, ohne Hintergedanken, helfen.

Ein völlig anderes Geschlechterverhältnis

Frauen haben in Indien weitestgehend einen völlig anderen Status als in westlichen Ländern. Hier herrscht ein traditionelles Frauenbild und die Geschlechter sind viel strikter voneinander getrennt. Besseres Kennenlernen oder gar Berührungen vor de Ehe sind nicht vorgesehen, während gleichzeitig die Lücke zwischen den Geschlechtern immer größer wird. D.h. aufgrund von gezielter Abtreibung und Vernachlässigung gibt es in Indien einfach immer “weniger” Frauen. Das erschwert den Kampf gegen Kinderheirat (die vor allem im ökonomisch schwächeren Norden immer noch weit verbreitet ist). In vielen Bundesstaaten sieht man auch fast keine Frauen auf der Straße. Ausführliche Informationen zur Lage der Frauen in Indien gibt es auf Wikipdia. (englisch)

All dies erklärt wohl auch, warum alleinreisende Frauen oft angestarrt werden, als kämen sie von einem anderen Planeten. Dazu kommt noch, dass Familie in Indien einen viel höheren Stellenwert und Bedeutung hat als in europäischen Ländern. Niemand wird alleine gelassen – es ist immer jemand von der Familie dabei, für die meisten das einzige vorhandene Sicherheitsnetz. Jemanden alleine zu lassen ist nicht vorgesehen. Ich habe zum Beispiel im Zug einen jungen Mann kennengelernt, dessen Eltern zu ihm gezogen sind, nachdem er einen Job weit entfernt von zu Hause im Süden ergattert hat.

Tip 3: Manchmal ist es hilfreich, eine “Geschichte” parat zu haben.

Aus all diesen Gründen kann es hilfreich sein, eine Geschichte parat zu haben. Ich habe zum Beispiel erzählt, dass ich Witwe bin. Das hatte eine enorme Wirkung auf meine Gesprächspartner, und ich wurde dann wirklich anders und mit Respekt in Ruhe gelassen.

Viele erzählen von Ehemännern oder Eltern, die nur an dem einen Tag in ihren Hotel sind. Der Höhepunkt ist sicher von einem indischen Ehepartner zu erzählen, wo man dafür das Land, die Leute und auch eine Sprache sprechen sollten – sonst könnte es peinlich werden. Ich habe aber nicht immer von meinen Witwendasein erzählt. Das gilt es von Fall zu Fall abzuschätzen, da es eben auch genug Menschen gibt, für die die westliche Lebensweise keine Buch mit sieben Siegeln mehr darstellt. Da können sich eben durchaus interessante Gespräche ergeben, indem man bei der Wahrheit bleibt.

 Unterschiede in Städten und touristischen Regionen

Das hängt auch damit zusammen, dass es in den großen Städten ein ganz anderes Bild gibt. Hier treffe ich viele junge Frauen, gut ausgebildet und mit guten Englischkenntnissen, in westlicher Kleidung, die auch am Abend schon mal ein Bierchen trinken. Diese Frauen vermitteln mir ein ganz neues im Wandel befindliches Bild von Indien, und ich bin sehr dankbar für diese Kontakte und Erfahrungen.

Es macht auch einen Unterschied, wie weit die bereiste Region in ihrer touristischen Entwicklung ist. Je touristischer eine Region ist, desto mehr verschiebt sich meiner Wahrnehmung nach das Verhältnis zwischen alleinreisenden Frauen und männlichen Einheimischen. Es wird offener und lockerer miteinander umgegangen. Das dies zum ein oder anderen Panscherl führt, wird wohl niemanden verwundern – aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Tip 4: Suche die Frauen

Bei einem Kochkurs in einem privaten Haushalt in der Nähe von Hampi

 

In manchen Bundesstaaten wie in Kerala ist es leicht. Hier sind die Frauen selbstbewusster, öfters auf der Straße zu sehen und viele sprechen auch englisch, sodass einen interessanten Austausch oft nichts im Wege steht (siehe auch meinen Artikel über Kerala). Sehr gute Erfahrungen habe ich auch mit Kochkursen gemacht. Hier gibt es oft spannende und authentische Einblicke in weibliche Lebenswelten und durch das gemeinsame Tun und Essen entsteht eine eigene Vertrautheit. Ein besonderes Erlebnis hatte ich auch in Jaisalmer, wo eine beeindruckende Frau mit den Textilarbeiten, die sie in den umliegenden Dörfern aufkauft, den üblichen Souvenirläden einiges entgegenzusetzen hat. Das Pläuschchen in ihrem kleinen Laden, auf einen schönen Teppich sitzend, hat mich wieder ein bisschen versöhnt, nachdem ich in Rajasthan ob der offensichtlichen Diskriminierung von Frauen schon ziemlich sauer war.

Fazit

Ich habe in Indien eindeutig mehr alleinreisende Frauen getroffen als in Südostasien. Der Frage nachzugehen warum das so ist, würde wohl den Rahmen hier sprengen, wäre aber sicher interessant. Auffallend in Indien ist, wie viele Reisende auf der Suche nach sich selbst, ihren Lebensweg sind und ihre Reise als eine spirituelle Suche begreifen. Und im Vergleich zu Südostasien ist Indien ein direkteres und unmittelbares Erlebnis. Hier wirst du angestarrt, stehst immer wieder im Zentrum der Aufmerksamkeit – und damit erfährst du auch dich selbst in einer ganz anderen Weise. Die richtige Mischung zwischen offenen Annehmen von interessanten Gelegenheiten und gebührender Vorsicht ist wohl einer der größten und spannendsten Herausforderungen bei einer Reise nach Indien.

Zum Weiterlesen:

My top tips for women traveling to India: Ein guter und ausführlicher Artikel vollgepackt mit Tips von einer der führenden Reiseblogerinnen über Indien.

Happy, safe solo traveling – India by yourself: Ein ausführlicher Artikel vollbepackt mit Infos, nicht nur für Frauen – lesenswert!

Five reasons why travelling in India is not so scary: Ganz ein schöner Artikel, der darauf eingeht wie liebenswert und hilfsbereit viele InderInnen sind.

The women traveling solo question: Ein ausgezeichneter Artikel, der aufzeigt, dass zuhause bleiben weitaus gefährlicher ist als Reisen, da die meiste Gewalt gegen Frauen in ihrem direkten sozialen Umfeld stattfindet.

 

 

 

 

 

 

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