Langsam reisen (1): Fünf Gründe für entschleunigtes Reisen

Wo immer du bist, sei die Seele des Ortes (Rumi)

 

Es war in Hampi (Indien), den Ort, den ich letztes Jahr so lieben gelernt habe, als ich ich mich in einen der vielen kleinen Restaurants setzte, um gemütlich einen Chai zu trinken und der brütenden Mittagshitze zu entkommen. Dort lernte ich einen jungen Mann kennen, der in  sechs Wochen den “ganzen” subindischen Kontinent bereist hat. Nun es war wohl weniger der ganze Kontinent, als ein “Abreisen” der Höhepunkte aus dem Lonely Planet.

Wir kamen ins Gespräch und erzählten uns gegenseitig ein bisschen über unsere Reisen. Mein Hinweis, auf mein langsames Unterwegssein nahm er mit Überraschung auf. Ich konnte ihm richtig zusehen, wie ihm klar wurde, was er sich alleine in Hampi entgehen lässt, weil er nur drei Tage da ist, die Tempel im Eilschritt besichtigt und natürlich auch jeden Tag eine Rickshaw für sich alleine mietet.

Doch was sind eigentlich die Vorteile vom langsamen Reisen, und vor allem wie macht man das? Hier der Versuch einer Antwort.

 

1. Destinationen ganz anders erfahren

Wer sich länger an Orten oder bestimmten Sehenswürdigkeiten bleibt, wird diese ganz anders erfahren. Kein schnelles Abhaken von Tempeln, Museen oder Ortsbildern sondern ein Eintauchen, ein Spüren mit allen Sinnen. Auch einmal Pause machen, und an einem guten Ort einfach Verweilen – all dies ermöglicht eindrücklichere und tiefere Erlebnisse – die dann auch anders in Erinnerung bleiben, sodaß man sich später nicht fragen muss, welche Personen man an welchen Orten getroffen hat, oder an welchen Plätzen denn bestimmte Sehenswürdigkeiten warten.

Mach mal Pause (Pai, Thailand)

Viele wollen natürlich möglichst viele unterschiedlichen Dinge in einem möglichst kurzen Zeitrahmen sehen, unter dem Motto “Wer weiß wann ich wieder kommen kann”.  Die Rechnung geht leider nicht auf, weil es immer mehr Orte gibt, die man sehen will – egal wie schnell man unterwegs ist, und wieviele Sehenswürdigkeiten man am Tag sieht. So gesehen ist Reisen auf eigene Faust immer eine Entscheidung gegen etwas und es ist wohl gut, die Orte, für die man sich entscheidet mit allen Sinnen zu erleben. Die gute Nachricht dazu: Es gibt immer was zu sehen, denn je mehr man reist, desto mehr will man sehen. Und vor Ort ergeben sich oft Möglichkeiten zu Besichtigungen und Aktivitäten, von denen im Reiseführer nichts zu lesen ist.

Ich habe auf meinen Reisen viele Leute kennengelernt, die traurig waren, weil sie sich zuwenig Zeit für die einzelnen Orte genommen hatten,  und alle – egal wie schnell sie unterwegs waren – hatten Aktivitäten oder Orte auf ihrer Liste, die sich nicht mehr ausgegangen sind. Es ist wie immer: die Entscheidung für etwas ist auch die Entscheidung gegen etwas anderes.

 

2. Kontakte aufbauen

Das kleine Geschäft an der Ecke, das “Stammcafe”, oder die Pensionsbesitzerin. Wer länger als zwei drei Tage an einen Ort bleibt, lernt auch mehr Leute kennen. Reisende sowieso aber auch Einheimische – Einblicke in den Alltag und nette Gespräche sind viel leichter möglich.

3. In Ruhe gelassen werden

In Ländern, wo das dauernde Angequatscht werden zur täglichen Routine gehört, verspricht das längere Verweilen an einem Ort auch Erleichterung. Die maßgeblichen Akteure (Taxi und Rickshaw bzw. Tuk-Tukfahrer, Straßenverkäufer und sonstige “Freunde” ) merken sich Gesichter und Personen meiner Erfahrung nach sehr schnell, und lassen einen spätestens am dritten Tag in Ruhe.

4. Billiger Reisen

Das ist wohl ein wichtiger Punkt. An wenigen Orten länger zu bleiben, reduziert natürlich die Transportkosten. Auch einmal zu Fuß zu gehen oder ein Fahrrad zu mieten, statt wieder einen Fahrer für einen Tag zu nehmen, reduziert die Kosten beträchtlich. Manchmal kann man auch den Preis der Unterkunft herunterhandeln, wenn man länger bleibt.

Und wer sich vor Ort Zeit nimmt und recherchiert wird vielleicht auch die wirklich guten und/oder günstigen Angebote finden. Das sind nicht immer die Offensichtlichsten.

Man wird auch weniger ums Ohr gehauen. Ich denke vor allem weil man nach spätestens zwei Tagen nicht nur die lokalen Preisstrukturen sondern auch die ortsüblichen Tricks kennt.

 

Und last but not least. weil unsere Welt ohnehin schon schnell genug ist.

Wirklich. Es gibt keinen Grund auf Reisen genauso beschäftigt zu sein wie zu Hause.  Es tut auch gut manchmal Nichts zu tun und das geht eigentlich nirgends besser als unterwegs. Reisen als bewusstes Kontrastprogramm zum oft hektischen Alltag ermöglicht nicht nur ganz andere Erlebnisse und tiefere Einblicke sondern auch einen entspannteren Blick auf unsere Umwelt – auch nach der Rückkehr.

*****

Welche Gründe für langsames Reisen hast Du? Ich freue mich auf Deinen Kommentar.

Hier geht es demnächst weiter mit konkreten Tips zum langsamen Reisen….

 

 

 

Als Frau alleine in Indien -mit ein paar Tips

Auf den Straßen in Indien sind meistens viel mehr Männer als Frauen (Jaipur)

 

So viele gute Ratschläge habe ich nach Indien mitgenommen – über richtige Verhaltensweisen, über Anmache und die Stellung der Frau. All das hilft vielleicht den Kulturschock abzumildern, aber nicht ihn zu verhindern. Und auch wenn man z.B. überall liest, dass indische Kleidung die bessere Wahl ist, war ich doch erstaunt, welchen Unterschied es dann gemacht hat, in der Wahrnehmung meines Gegenübers nämlich.

Und natürlich ist es dann auch schwer nachzuvollziehen, dass ein freier Bauch unter dem losen Sari völlig selbstverständlich ist, während die freien Schultern oder ein weiteres Dekolletee oft mehr als lüsterne Blicke auslösen. Viele Touristinnen merken das gar nicht, andere passen sich an und wieder andere genießen das auch.

Besonders auffallend ist das dann am Strand. Wo immer eine ausländische Frau außerhalb der Touristenguettos  Badekleidung trägt, wird sie eine kleinere oder größere Gruppe an Männern (aber zumindestens zwei müssen es immer sein) hervorrufen. Diese schauen, gehen händchenhaltend vorbei oder fotografieren völlig ungeniert.

Tip 1 – Angemessene Kleidung (wirklich) – und verwende einen Schal

Es klingt so einfach und veraltet ist aber so. Du wirst einfach anders wahrgenommen und die Blicke treffen dich eher auf Augenhöhe. Noch wohler habe ich mich gefühlt, nachdem ich mir die langen indischen Blusen (Kurta) gekauft habe, und diese mit weichen Stoffhosen kombiniert habe. Eine Kleidung, in der ich mich immer wohl und “angezogen” gefühlt habe. Ein dünner Schal dazu ist ein guter Freund bei allen möglichen Gelegenheiten – schützt vor Sonne, Blicken und manchmal vor der Klimaanlage – ich hatte immer einen im Tagesrucksack.

 Alleine sein ist nicht vorgesehen

Für alleinreisende Frauen kommt noch etwas weiteres hinzu. Oft bin ich während meiner Bus- und Bahnreisen gefragt worden, wo denn mein Begleiter sei. Viele indische Mäner (und wahrscheinlich die Frauen auch, nur sprechen die eine viel seltener an) können sich einfach nicht vorstellen als Frau alleine – ohne männlichen Schutz – zu reisen. Das kann auch einen manchmal durchaus hilfreichen Beschützerinstinkt hervorrufen.

Tip 2 – Hol dir aktiv Hilfe

Ich habe oft nach den richtigen Bus oder der richtigen Adresse gefragt was dann zur Folge hatte, dass die angesprochene Person mich quasi “unter ihre Fittiche” genommen hat, bis ich im richtigen Bus oder am richtigen Ort war. Mit der Zeit bekommt man ein Gefühl, die richtigen Leute anzusprechen, die ein bisschen englisch können und gerne, ohne Hintergedanken, helfen.

Ein völlig anderes Geschlechterverhältnis

Frauen haben in Indien weitestgehend einen völlig anderen Status als in westlichen Ländern. Hier herrscht ein traditionelles Frauenbild und die Geschlechter sind viel strikter voneinander getrennt. Besseres Kennenlernen oder gar Berührungen vor de Ehe sind nicht vorgesehen, während gleichzeitig die Lücke zwischen den Geschlechtern immer größer wird. D.h. aufgrund von gezielter Abtreibung und Vernachlässigung gibt es in Indien einfach immer “weniger” Frauen. Das erschwert den Kampf gegen Kinderheirat (die vor allem im ökonomisch schwächeren Norden immer noch weit verbreitet ist). In vielen Bundesstaaten sieht man auch fast keine Frauen auf der Straße. Ausführliche Informationen zur Lage der Frauen in Indien gibt es auf Wikipdia. (englisch)

All dies erklärt wohl auch, warum alleinreisende Frauen oft angestarrt werden, als kämen sie von einem anderen Planeten. Dazu kommt noch, dass Familie in Indien einen viel höheren Stellenwert und Bedeutung hat als in europäischen Ländern. Niemand wird alleine gelassen – es ist immer jemand von der Familie dabei, für die meisten das einzige vorhandene Sicherheitsnetz. Jemanden alleine zu lassen ist nicht vorgesehen. Ich habe zum Beispiel im Zug einen jungen Mann kennengelernt, dessen Eltern zu ihm gezogen sind, nachdem er einen Job weit entfernt von zu Hause im Süden ergattert hat.

Tip 3: Manchmal ist es hilfreich, eine “Geschichte” parat zu haben.

Aus all diesen Gründen kann es hilfreich sein, eine Geschichte parat zu haben. Ich habe zum Beispiel erzählt, dass ich Witwe bin. Das hatte eine enorme Wirkung auf meine Gesprächspartner, und ich wurde dann wirklich anders und mit Respekt in Ruhe gelassen.

Viele erzählen von Ehemännern oder Eltern, die nur an dem einen Tag in ihren Hotel sind. Der Höhepunkt ist sicher von einem indischen Ehepartner zu erzählen, wo man dafür das Land, die Leute und auch eine Sprache sprechen sollten – sonst könnte es peinlich werden. Ich habe aber nicht immer von meinen Witwendasein erzählt. Das gilt es von Fall zu Fall abzuschätzen, da es eben auch genug Menschen gibt, für die die westliche Lebensweise keine Buch mit sieben Siegeln mehr darstellt. Da können sich eben durchaus interessante Gespräche ergeben, indem man bei der Wahrheit bleibt.

 Unterschiede in Städten und touristischen Regionen

Das hängt auch damit zusammen, dass es in den großen Städten ein ganz anderes Bild gibt. Hier treffe ich viele junge Frauen, gut ausgebildet und mit guten Englischkenntnissen, in westlicher Kleidung, die auch am Abend schon mal ein Bierchen trinken. Diese Frauen vermitteln mir ein ganz neues im Wandel befindliches Bild von Indien, und ich bin sehr dankbar für diese Kontakte und Erfahrungen.

Es macht auch einen Unterschied, wie weit die bereiste Region in ihrer touristischen Entwicklung ist. Je touristischer eine Region ist, desto mehr verschiebt sich meiner Wahrnehmung nach das Verhältnis zwischen alleinreisenden Frauen und männlichen Einheimischen. Es wird offener und lockerer miteinander umgegangen. Das dies zum ein oder anderen Panscherl führt, wird wohl niemanden verwundern – aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Tip 4: Suche die Frauen

Bei einem Kochkurs in einem privaten Haushalt in der Nähe von Hampi

 

In manchen Bundesstaaten wie in Kerala ist es leicht. Hier sind die Frauen selbstbewusster, öfters auf der Straße zu sehen und viele sprechen auch englisch, sodass einen interessanten Austausch oft nichts im Wege steht (siehe auch meinen Artikel über Kerala). Sehr gute Erfahrungen habe ich auch mit Kochkursen gemacht. Hier gibt es oft spannende und authentische Einblicke in weibliche Lebenswelten und durch das gemeinsame Tun und Essen entsteht eine eigene Vertrautheit. Ein besonderes Erlebnis hatte ich auch in Jaisalmer, wo eine beeindruckende Frau mit den Textilarbeiten, die sie in den umliegenden Dörfern aufkauft, den üblichen Souvenirläden einiges entgegenzusetzen hat. Das Pläuschchen in ihrem kleinen Laden, auf einen schönen Teppich sitzend, hat mich wieder ein bisschen versöhnt, nachdem ich in Rajasthan ob der offensichtlichen Diskriminierung von Frauen schon ziemlich sauer war.

Fazit

Ich habe in Indien eindeutig mehr alleinreisende Frauen getroffen als in Südostasien. Der Frage nachzugehen warum das so ist, würde wohl den Rahmen hier sprengen, wäre aber sicher interessant. Auffallend in Indien ist, wie viele Reisende auf der Suche nach sich selbst, ihren Lebensweg sind und ihre Reise als eine spirituelle Suche begreifen. Und im Vergleich zu Südostasien ist Indien ein direkteres und unmittelbares Erlebnis. Hier wirst du angestarrt, stehst immer wieder im Zentrum der Aufmerksamkeit – und damit erfährst du auch dich selbst in einer ganz anderen Weise. Die richtige Mischung zwischen offenen Annehmen von interessanten Gelegenheiten und gebührender Vorsicht ist wohl einer der größten und spannendsten Herausforderungen bei einer Reise nach Indien.

Zum Weiterlesen:

My top tips for women traveling to India: Ein guter und ausführlicher Artikel vollgepackt mit Tips von einer der führenden Reiseblogerinnen über Indien.

Happy, safe solo traveling – India by yourself: Ein ausführlicher Artikel vollbepackt mit Infos, nicht nur für Frauen – lesenswert!

Five reasons why travelling in India is not so scary: Ganz ein schöner Artikel, der darauf eingeht wie liebenswert und hilfsbereit viele InderInnen sind.

The women traveling solo question: Ein ausgezeichneter Artikel, der aufzeigt, dass zuhause bleiben weitaus gefährlicher ist als Reisen, da die meiste Gewalt gegen Frauen in ihrem direkten sozialen Umfeld stattfindet.

 

 

 

 

 

 

Housesitten in Spanien … und Abschied von Wien

So jetzt bin ich also endlich angekommen in Spanien – nachdem mein Körper schon seit zehn Tagen hier weilt, ist der Rest nun auch endlich da. In einem schönen alten Haus, umgeben von einem Mittelmeergarten vom Feinsten, mit Blick aufs Meer – ein Pool ist auch dabei, aber mehr als meine Zehenspitzen hat das Wasser noch nicht zu sehen bekommen.

Es ist ein großes und schönes Anwesen, und ich verlasse es derzeit nur wenig – zum Einkaufen und um das Meer aus der Nähe zu sehen – aber eigentlich bin ich hier, genieße es soviel Zeit an der frischen Luft und in der Sonne zu verbringen und finde einen guten Rythmus aus Garten pflegen und Hausarbeit, Katze hüten,  Lesen, Yoga, Computer, Filme schauen, gutes Essen.

In den kommenden zwei Monaten möchte ich hier im wunderbaren Mittelmeerwinter und beginnenden Frühling mein Repertoire rund um das Thema Yoga und Burn-Out erweitern. Ich übe und lese viel, entwickle Sequenzen und einiges mehr.

Das tut mir auch gut, da ich den letzten Wochen in Österreich doch sehr beschäftigt war. Der Umzug meiner Sachen von Salzburg nach Wien in einer Hauruck Aktion (zwei Tage einpacken, ein Tag Umsiedeln, zwei Tage einräumen) ist nicht ganz spurlos an mir vorübergegangen. Und dann war ich mir auch plötzlich nicht mehr so sicher, ob es die richtige Entscheidung war, meinen Platz im schönen Salzburg zu räumen. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass Wien im Jänner nicht gerade berauschend ist. Zu grau, zu dunkel – eine Zeit wo einzelne Sonnenstrahlen zu Jubelmeldungen veranlassen können. Es heißt ja auch, dass es kein Zufall war, dass die Psychoanalyse in Wien erfunden worden ist – aber ich schweife wieder einmal ab.

Egal – die Wohnung in Wien ist fast fertig, hübsch eingerichtet und ich kann mich jetzt hier in aller Ruhe der schönen Umgebung und meinen Projekten widmen. Watch out!

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